Gestern hab ich einen interessanten Kommentar in der Berliner Zeitung gelesen. Stammte von einer italienischen Journalistin und besagt so in etwa: Wenn schon im Osten rechtsradikales Gezücht heranwächst, hat der Staat nicht das Recht, die Schuld allein auf die Eltern abzuschieben, sondern sollte sich ob seiner Versäumnisse mal an die eigene Nase packen.
Erste Reaktion war: Ist ja toll, einfachste Möglichkeit ist natürlich immer, dem Staat (wahlweise auch der Kirche, dem roten Kreuz etc.) die Schuld für eigenes Versagen aufzudrücken.
Zweite Reaktion war dann aber: Moment, vielleicht hat die Dame nicht ganz Unrecht.
Mal abgesehen davon, dass sie als Italienerin zwar auch nicht ohne geschichtliche Vorlast diesbezüglich ist, aber zumindest in Hinsicht auf Versäumnisse im Osten der Bunzreplik einen relativ neutralen Standpunkt einnehmen kann, steckt da tatsächlich einiges an Wahrheit drin.
Natürlich ist es einfach, die Schuld für eigenes Versagen den höheren Autoritäten aufzudrücken. Aber schauen wir uns doch mal den Westen an. Bis man in der BRD halbwegs in einem demokratischen Staat angekommen war (die Demokratie also auch in den Köpfen ihrer Bevölkerung eingetroffen war), sind gut 20 - 30 Jahre vom Kriegsende an gerechnet vergangen.
Bis dahin herrschte doch immer noch - unterschwellig und nicht mehr so offen wie in den 30er-/40er-Jahren - in sehr vielen rechtskonservatives Gedankengut. Da konnten die schlimmsten Gestalten der Nazizeit unbehelligt weitermachen und stellten zum Teil auch noch die Basis für vieles, was heute noch in Deutschland existiert (Diplomatischer Dienst, BND, Bundeswehr).
Ich erinnere mich daran, dass ich von meiner Oma Anfang der achtziger Jahre in irgendeinem Zusammenhang noch den Spruch hörte "Für so etwas müsste nochmal ein kleiner Hitler kommen". Und meine Oma war ansonsten eine herzensgute Frau.
Und jetzt sehen wir, wie sich die Geschichte im Osten wiederholt.
Es war kein drittes Reich, dem Himmel sei dank, aber es war auch dort ein Regime, dass den Bürgern viel gedankliche Arbeit abnahm, dass sie in vielerlei Hinsicht der Notwendigkeit zur eigenen Transferleistung enthob. Und es hielt sich immerhin 40 Jahre.
Die dortige Generation der Eltern, die Generation, die in diesem System groß wurde, die Generation, der man jetzt vorwirft, die Schuld daran zu tragen, dass sie ihre Kinder nicht mit Perspektiven versorgt, diese Generation leidet ja selber zu einem nicht unerheblichen Teil unter Perspektivlosigkeit.
Wie kann ich denn jemandem vorwerfen, sich nicht für die Segnungen der Demokratie stark zu machen, wenn die einzige Segnung für ihn ein regelmäßiges Arbeitslosengeld ist. Wie kann ich eigene Initiative fordern, wenn 40 Jahre lang das Gegenteil davon gefordert wurde.
Um es nochmal klar zu sagen: Das ist keine Entschuldigung dafür, dass man seine Kinder nicht erzieht.
Aber es ist auch keine Entschuldigung für einen Staat, der sich vornehm zurückhält und die Frage der Bewusstseinsbildung zur Privatsache erklärt und der es aus seiner eigenen Geschichte eigentlich wissen muss, wie schwer es ist, sich in einer Welt der zerbrochenen Ideale neu zu orientieren und einen demokratischen Weg zu beschreiten, nicht nur in der politischen Spitze, sondern in den Köpfen all seiner Bewohner.
- Die Ärzte -