Ich glaub, ich hab es irgendwo schon einmal erwähnt:
Ich spiele die Keyboards in einer Band, die sich neben diversen Coverstücken (für die Nichtmusiker: Das sind Stücke, die andere schon mal gespielt haben) auch an eigenen Liedern versucht.
Das war aber nicht immer so.
Ich fürchte, die Zeit ist reif, es auszusprechen, bevor die Presse davon erfährt und eine Schmutzkampagne ohne Gleichen startet.
Eine Kampagne, gegen die die Jagd auf Tatjana und Ferfried wie ein Ringelpiez anmuted. Eine Kampagne, die McCarthy als Waisenknabe dastehen lässt.
Also gut.
Ich...ich...ich habe...ich habe einmal als Tanzmucker angefangen.
Puh, jetzt ist es raus. Jetzt kann ich frei darüber sprechen.
Übrigens heisst es unbedingt Tanzmucker. Schon um diese Bevölkerungsschicht von echten Musikern zu unterscheiden.
Tanzmucker sind die Handwerker unter denjenigen, die Umgang mit Instrumenten pflegen.
Und gerade, weil Tanzmucker in ihrem natürlichen Habitat, der Kirmeszeltbühne, so sehr possierlich ausschauen, drängt sich die Frage geradezu auf:
"Wat isst der denn so? Darf man den füttern oder beisst der, wenn man et versucht?"
Plaudern wir also ein wenig aus der Schule der Tanzmuckerernährung.
Fangen wir erst einmal ganz unten an. Nämlich beim Kirmesmucker. Der schlägt sich in Vierer- oder Fünfergrüppchen durch die Dorffeste seiner näheren Umgebung und beglückt dort das in der Regel spätestens um elf Uhr sturzbetrunkene Publikum mit den schönsten Liedern, die der deutsche Schlager in den letzten fünfzig Jahren hervorgebracht hat. Schauen wir uns also zuerst einmal den Platz an, wo der Kirmesmucker den Großteil seiner Zeit verbringt:
1. Die Bühne
Definitiv kein Ort zur Nahrungsaufnahme. Zumindest nicht, soweit es feste Nahrung betrifft. Ganz gerne füttert man den Tanzmucker aber da oben schon einmal mit flüssiger Nahrung, bevorzugt in Form von Bier. Dabei gilt die goldene Regel: "Der Tanzmucker sagt nicht nein!"
Die Frage"Wat trinkt ihr denn?" wird oft gestellt, meist dann, wenn der Tanzmucker nicht antworten kann, weil er gerade singen muss.
Die Antwort wird aber ohnehin nicht abgewartet, weil sie völlig unerheblich ist. Statt dessen kommt der edle Spender mit einem voll gestellten Biertablett und prostet den Gestalten auf der Bühne gönnerhaft zu.
Glücklich schätzt sich da in der Regel jeder, der nur auf einer Seite des Glases Reste von Lippenstift findet. Ein guter, ausgesprochen stabiler und dehnbarer Magen ist Grundvoraussetzung, will man eine Kirmesgesellschaft beglücken.
Auf der Bühne ist Essen tabu. Krümel zwischen den Orgeltasten oder Ketchup auf der Bassgitarre sind kein erstrebenswerter Zustand. Wo aber isst dann der Kirmesmucker?
Ganz einfach,
2. An der Frittenbude
Sonstige Vergnügungen mögen auf der Dorfkirmes rar gesät sein, ein Frittenschmiede ist aber immer da. Hier hat der Kirmesmucker grob geschätzt knappe sieben Minuten Zeit, um eine Pommes rot/weiß und einen Schaschlik zu bestellen, die Zubereitung abzuwarten und das Ganze herunterzuschlingen. Schaschlik ist übrigens Pflicht; ein Tanzmucker ist per definitionem ein Fleischesser und nur der Schaschlikspiess suggeriert, dass er tatsächlich Fleisch enthalten könne.
Ein Auge und ein Ohr verbleiben dabei aber immer im Zelt, weil jedes Verlassen der Instrumente von mindestens einem besoffenen Kirmesbesucher als Freibrief gedeutet wird, sich in dieser Zeit auf die Bühne hieven zu dürfen und unter dem Gejohle der restlichen besoffenen Bande eines der verwaisten Instrumente - meistens glücklicherweise das Schlagzeug - zu malträtieren. Das ganze dann selbstverständlich mit dem Verweis darauf, dass man ja schließlich nicht dafür bezahlt werde, herumzustehen und zu essen sondern gefälligst Musik zu machen habe.
Keine kulinarischen Höchstleistungen also, aber dafür eine Essgeschwindigkeit, die locker für einen Eintrag ins Guinnessbuch oder zumindest für einen gewonnenen Wettauftritt bei Thomas Gottschalk reichen sollte ("Ich wette, dass diese vier Kirmesmucker eine doppelte Portion Schaschlik mit Pommes rot/weiß in einer Zeit von weniger als 27 Sekunden verspeisen und danach mit der restlichen Schaschliksauce noch "Weine nicht, kleine Eva" von den Flippers gurgeln können!")
Wenden wir den Blick ab von diesen unappetittlichen Zuständen hin zu einer evolutionär minimal höherstehenden Gruppe, den Hochzeitsmuckern.
Hochzeitsmucker machen musikalisch nichts anderes als Kirmesmucker, haben aber zumindest den Sprung von der Kirmesbühne in die bunte Welt der Familienfeierlichkeiten geschafft.
Die Bühne ist auch hier für die Essensaufnahme Tabu, dafür erschliesst sich neben der Bühne eine ungeahnte kulinarische Vielfalt. Immerhin werden Familienfeste selten via Frittenbude versorgt, meistens hat da schon ein wie auch immer ausgebildeter Koch seine Finger im Spiel. Das schlägt sich allerdings dummerweise nicht immer in der Versorgung der Instrumentenbediener nieder.
Ich hab da immer noch die Hochzeit vor Augen, auf der ich zusammen mit meinem Mitspieler G. (wir waren zu der Zeit auch als Duo unterwegs) geifernden Lefzens zuschaute, wie die Hochzeitsgesellschaft sich an einem zumindest optisch recht ansehnlichen Buffet tummelte.
Gegen halb elf kam dann die nicht minder ansehnliche Braut und führte uns, zu diesem Zeitpunkt bereits stark geschwächt, mit den Worten "Oh, ihr Ärmsten, hat man euch ganz vergessen! Ihr habt sicher Hunger!" in die Küche. Statt der Leckereien vom Buffet warteten dort auf jeden von uns zwei belegte Käsebrote.
Ich kann mich heute nur noch schwach an die damals ausgestossenen Flüche unsererseits erinnern, aber sie schienen ihre Wirkung nicht verfehlt zu haben, denn wie man uns später zutrug, wurde die Ehe bereits nach zwei Jahren wieder geschieden.
Selber schuld, kann ich da nur sagen.
Behold the anger of the mighty dancemucker. Oder so.
In der Regel gab es aber auch für uns das Essen, das die Gesellschaft bekam. Ganz selten hätten wir statt dessen lieber Käsebrötchen gehabt.
Im Großen und Ganzen ist es allerdings erschreckend, wie viele schlechte Köche in deutschen Gaststuben ihrem dunklen Treiben nachgehen und hier eine Suppe versalzen und dort das Schnitzel anbrennen lassen. Und wir mussten es dann mit der Musik wieder rausreissen.
Wenden wir uns jetzt der dritten Stufe auf der evolutionären Skala zu. Mehr geht nicht. Zumindest nicht für Tanzmucker. Gemeint sind natürlich die Galamucker.
Galamucker haben, wie der Name schon sagt, den Auftrag, Galas und Bälle in besseren Häusern musikalisch zu untermalen.
Spielerisch macht das wenig Unterschied, da auch diese Gesellschaften genauso um elf Uhr dicht sind wie die auf dem Dorfschützenfest. Und dann sind auch hier Rosamunde und Herzilen gefragt.
Aber das Essen.
Oh, das Essen!
Wer (damals) 100 Mark pro Nase für einen Abend mit Tanz und Musik abzudrücken bereit war, durfte auch Besseres erwarten. wenn schon nicht von der Musik, dann doch wenigstens vom Buffet. Und das wurde den Anforderungen eigentlich immer gerecht.
Und vor allem: Wir durften daran teilhaben.
Der Haken dabei war nur der, dass einen alles, was man im Überfluss hat, irgendwann langweilt.
Kaviar war auf einmal bäh ("Igitt, tu mal die Brombeermarmelade mit dem Fischgeschmack weg!"), Lachs quoll uns aus den Ohren, Wachteleier ("wer hat denn die Flummis hier liegen gelassen?") mochten wir auch bald nicht mehr anschauen.
Und ganz, ganz langsam wuchs in uns wieder die Lust auf eine anständige fettriefende Pommes rot/weiss mit einem ordentlich sehnigen Schaschlik.
Glücklicherweise ist ja die Muckerwelt evolutionär keineswegs scharf voneinander abgegrenzt.
Wir wussten also ganz genau, dass wir uns bald auch wieder auf einer Dorfkirmes einfinden würden.
Und in diesem Bewusstsen machte es gleich doppelt soviel Freude, einen Hummer - für später - zum Ende der Veranstaltung aus dem Festsaal zu schmuggeln.
- Weird Al Yankovic -
Das sind jetzt meine Überlegungen zum Thema Essen aus der Sicht derer, die hinter den Instrumenten stehen.
Wie das ganze aus Sicht derjenigen aussieht, die vor den Instrumenten stehen und mit hoffentlich großen bewundernden Augen zu denen dahinter hochschauen, kann man bei
diesem Herren nachlesen.
Übrigens eine Premiere - ein Crosspost, bei dem lediglich das Thema vorgegeben war.
Ich bitte also um andächtiges Raunen der Audienz.
Und für alle, die bis hier durchgehalten haben, gibts jetzt noch eine kleine Überraschung:
Eine Aufnahme von vier Tanzmuckern in freier Wildbahn.
Damit die possierlichen Gesellen nicht zu sehr verschüchtert sind, habe ich die Aufnahme etwas nachbearbeiten müssen.