Der erlösende Anruf kam dann Freitag Nachmittag.
Der richtige Koffer war bei einer Großmutter aufgetaucht, die sich über die seltsamen Kleidervorlieben ihres Enkels zunächst wunderte, dann den Adressaufnäher studierte und merkte, dass der Trolley wohl der falsche war.
Wir konnten also zügig zum Austausch der Gefangenen schreiten und danach erst einmal in frische Kleidung schlüpfen.
Mit einigem an gutem Zureden ließ sich meine Frau dann davon überzeugen, dem Land noch eine Chance zu geben. Außerdem sollte ja in den nächsten zwei bis drei tagen unser unbegleitetes Luftgepäck eintreffen, das einige Annehmlichkeiten deutscher Herkunft enthielt, die den Start etwas leichter machen sollten.
Vielleicht eine kleine Erklärung: Unbegleitetes Luftgepäck ist das, was zwar auch mit dem Flugzeug verreisen darf, aber nicht im selben Flieger sitzt wie man selbst.
Wir rechneten mit der Ankunft am Montag; dann wäre es gut eine Woche unterwegs gewesen. Der normale Zeitrahmen, wie uns die Spedition versicherte.
Montag, Dienstag und Mittwoch gingen ohne Nachricht ins Land.
Donnerstag wurde ich dann doch ein wenig nervös; unser Vorrat an Einwegwindeln neigte sich dem Ende zu und von unserem Luftgepäck war nichts zu sehen.
Die Dame am anderen Ende der Telefonleitung versprach mir Nachforschungen, konnte mir aber bis zum Freitag noch nichts sagen.
Wochenende zwei ging also ins Land, am Montag wurde wieder telefoniert.
Immer noch nichts.
Ebenso Dienstag bis Donnerstag.
Freitag dann die erlösende Nachricht: Unsere Kisten hatten sich wohl ein paar schöne Tage in der Unterdruckkammer des Flughafens Amsterdam gemacht.
Nachdem sie da also auch nach zweiwöchigem Aufenthalt nicht explodiert sind, konnte man sie ruhigen Gewissens per Flugzeug nach Almaty schaffen. Da kamen sie am Montag dann auch an und halfen uns, die lange Wartezeit bis zum Eintreffen unseres eigentlichen Hausrates zu überbrücken.
Der kam dann übrigens am Donnerstag...
Endlich würden wir wieder in vollem Umfang einsatzbereit sein. Möbel, Kleider, Bücher und - nicht zu vergessen - PC und Spielekonsolen wurden bereits sehnsüchtig erwartet.
Die Packer griffen dann auch herzhaft zu und schafften die Kartons munter in den dritten Stock.
Beim Auspacken des Kühlschranks erwartete uns dann eine doch eher unangenehme Überraschung: Offensichtlich war beim Einpacken ein Paket Milch übersehen worden.
Dummerweise ein offenes. Heute kein Problem, gibt es doch die Milchpackungen mit Schraubverschluss. Die waren aber vor sechs Jahren eher selten anzutreffen. Und was ein offenes Paket Milch, das in einem verschlossenen Kühlschrank über eine Strecke von 6000 Kilometern transportiert wird, anrichten kann, kann man sich sicher vorstellen.
Für alle die, die das nicht können, hier die Kurzzusammenfassung: Eine Riesensauerei nämlich. Die Milch verteilt sich strategisch in alle Winkel des Kühlschrankes, wird dann dort sauer und stinkt, dass es eine wahre Pracht ist. Nach etwa zwei Wochen konnten wir dann aber den Kühlschrank, der zwischenzeitlich mehrfach auf die verschiedensten Weisen gesäubert wurde und mit einer offenen Dose mit Kaffeepulver zwecks Geruchsneutralisation gefüttert worden war, wieder halbwegs benutzen.
Keine schöne Sache also.
Nachdem sich der Ärger aber wieder gelegt hatte und die Möbelpacker weiterräumten, kam am frühen Nachmittag einer von ihnen zu mir und meinte mit leicht betretener Miene, ich sollte doch mal schauen kommen, da sei vermutlich etwas ausgelaufen.
Das war natürlich ärgerlich - wir hatten nämlich noch ein paar Restlebensmittel eingepackt, darunter auch einige Pakete mit stillem Wasser, die zwar sicher verschlossen, aber offensichtlich beim Transport geplatzt und deswegen ausgelaufen waren.
Dummerweise lagen wir da falsch, die Pakete waren nämlich schon unversehrt in der Wohnung.
Beim Begutachten des Schadens mussten wir dann leider feststellen, dass keineswegs etwas ausgelaufen war. Stattdessen war etwas eingelaufen.
Wie der Fahrer des Umzugswagens erklärte, hat es wohl in der Zeit, als er durch Polen fuhr, ziemlich heftig geregnet. Zu heftig anscheinend für das Dach des LKW. Das hatte nämlich offensichtlich eine undichte Stelle im Dach, durch die reichlich Regen hereinkommen konnte.
Dummerweise war nur das Dach undicht, nicht aber der Boden, was zu Folge hatte, dass das Wasser, das in den Wagen hereingekommen war, nicht wieder heraus konnte und deshalb die Zeit der Fahrt von Polen bis Almaty reichlich nutzte, um unseren kompletten Hausrat durchzusuppen.
Kurz, von den vierhundert Packstücken, die wir hatten, waren fünfzig völlig durchweicht und weitere dreißig noch mal gut feucht.
Und hier noch eine kleine Zusatzfrage an Biologen: Was kann passieren, wenn es in einem Raum dunkel und feucht ist?
Richtig - Schimmel kann entstehen.
Und genau das tat der Schimmel auch. Und nicht zu knapp.
Schimmel hatten wir dann unter anderem auf sämtlichen Matratzen, sowohl unseren als auch der unserer Tochter, an den Holzteilen des Gitterbettchens, der Wohnzimmercouch und unseres Bettes, an Schuhpaaren, Kleidungsstücken und, was meine Frau besonders schwer traf, am einzigen Abendkleid, das sie jemals besaß. Und sie sah wirklich toll darin aus.
Als es noch nicht verschimmelt war.
Dazu kamen durchweichte Bücher und Schallplatten (wenn die trocknen, ergibt das übrigens einen nicht mehr auftrennbaren Klumpen), diverse defekte Elektro- und Elektronikartikel und, was beinahe das allerschlimmste war (weil ja alles andere irgendwie ersetzt werden kann), der Verlust fast aller Filmnegative.
Wer das nicht glaubt, kann es ja mal ausprobieren - einfach einen entwickelten Film zehn Tage ins Wasser legen. Dann ist da nichts mehr drauf zu sehen.
Hochzeitsfotos, Kindergartenbilder unserer Tochter, Urlaubsfotos waren damit unrettbar verloren, wenn wir sie nicht als Fotos schon hatten entwickeln lassen. Aber auch von denen waren unzählige durch die Feuchtigkeit zusammen gebacken.
Und ja, davon gibt es tatsächlich Fotos. Wenn ich sie irgendwann finde, reiche ich sie umgehend nach.
Wir mussten jetzt also improvisieren, nicht zuletzt, da der kasachische Möbelmarkt neben Schleiflackmöbeln zur damaligen Zeit noch nicht wirklich ausreichende Auswahl bot. Heute sieht das anders aus, damals war das etwas übler.
Glücklicherweise hatten wir ja in weiser Voraussicht ein Gästezimmer gekauft, das auch unbeschadet ankam und das wir dann die nächsten fünf Monate benutzen konnten.
Irgendwann Anfang Januar trafen dann die in Deutschland bestellten Ersatzmöbel ein und sowohl unsere Tochter als auch wir konnten endlich wieder in richtigen Betten schlafen.
Nach diesem eher, ähem, unbefriedigenden Beginn war natürlich die Begeisterung über drei bis vier weitere Jahre nicht so enorm. Aber so langsam fassten wir dann ja doch Fuß.
Und außerdem wollte ich ja nun auch nicht, dass Kollege K. seine Wette gewinnen würde.
Dämliches Argument? Mag sein, ja.
Aber hey - ich bin ein Mann.
Dämliche Argumente gehören da quasi zur Grundausstattung.
- Enya -
Nachtrag
Ich hab die Bilder gefunden. Das sind jetzt ein paar der harmlosen. Die richtig üblen haben wir gleich an die Versicherung geschickt...

Der Lastwagen. Recht einfach zu sehen, in welchem Bereich die undichte Stelle ist, oder?

Ein Blick in den Lastwagen

Teile der freudigen Überraschung, ausgebreitet im Wohnzimmer.
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