Circus
Das war natürlich nicht immer so.
Ich erinnere mich an meinen ersten Zirkusbesuch. Es war - so kam es mir als Fünfjähriger zumindest seinerzeit vor - ein gigantisches Zelt. Die Luft war erfüllt vom typischen Zirkusgeruch; Raubtiere, Pferde, Clowns und Artisten traten auf, es war einfach großartig.
Damals.
Bis zur ersten Ernüchterung dauerte aber nicht lange, genau genommen nur bis zum zweiten Schuljahr.
Da ging es nämlich mit der Schulklasse in einen anderen Zirkus, ein Familienunternehmen.
Das Zelt war geflickt, die Dame an der Kasse gleichzeitig auch die Schlangendame, die Dressurnummern sehr bescheiden und alles wirkte auf mich unglaublich deprimierend.
Die Begeisterung wurde von einem Gefühl des Mitleids verdrängt. Irgendwie wirkte das ganze Unternehmen so, als ob von den einstmals hochfliegenden Künstler- und Artistenträumen rein gar nichts mehr übrig geblieben war. Nur eine beinahe greifbare Desillusionierung war zu spüren.
Das hätte ich damals nie so ausdrücken können, aber empfunden habe ich es so.
Solche Familienunternehmen sind mir danach immer wieder begegnet, meistens in der Vorweihnachtszeit in den Einkaufsstraßen größerer Innenstädte.
Hier standen dann meist zwei traurige Lamas und ein Esel, begleitet von einem trüb dreinschauenden Mann mit Sammelbüchse, der Geld für das Winterfutter der Zirkustiere sammelte.
Zum endgültigen Bruch mit dem Zirkus kam es dann aber nach einem Besuch eines russischen Zirkus in Almaty.
Die Artisten waren hervorragend, fraglos. Das ist eine Kunst, die im russischen Raum wohl auch massiv gefördert wird.
Dressierte Pudel? Nun ja, wer es mag.
Wirklich schlimm wurde es, als der Bär hereinkam. Ein an sich gefährliches aber unglaublich beeindruckendes Lebewesen, reduziert auf eine erbärmliche Kreatur zur Belustigung der Menge.
Ich weiß nicht, mit welchen Mitteln das Tier so zerbrochen wurde.
Es war ein unglaublich erschreckendes Bild - hier die begeisterte Menge der Zirkusbesucher - da der Bär, der wie ein dressiertes Äffchen für die Menge Faxen machen musste.
Ich musste ein paar Mal doch ziemlich schlucken und damit war dann das Thema Zirkus für mich durch - eigentlich endgültig.
Dementsprechend gering fiel auch meine Begeisterung aus, als meine Frau erklärte, sie habe für den zweiten Weihnachtstag Karten für den Roncalli-Weihnachtszirkus organisiert.
Einerseits wollte ich die Weihnachtsfreude nicht dämpfen, andererseits wollte eigentlich nirgendwo mehr meinen Fuß in etwas setzen, in dessen Zentrum eine Manege steht.
Ich bin dann doch mitgegangen und die erste Nummer schien dann meine Befürchtungen zu bestätigen.
Zwei dressierte Pferde mussten auf Kommando allerlei Dinge tun, die ein Pferd wohl eher nicht freiwillig machen würde.
Ich war fest entschlossen, zu gehen, würde sich so etwas wie ein roter Faden durch die restliche Vorführung ziehen. Von abgerichteten Pferden hatte ich ohnehin genug, seitdem ich einmal ein paar Tage als Kabelträger für das ZDF beim internationalen Reitturnier in Aachen mithelfen durfte.
Und dann wurde ich überrascht. Positiv.
Keine Löwen, Tiger oder Bären tauchten mehr auf. Das ganze Programm hindurch nicht.
Statt dessen brillante Jongleure, Trapezartisten, unterhaltsame Clowns, Zauberer und natürlich der unvermeidliche Pic samt seiner Seifenblasen, bei denen man aber nicht so genau wusste, ob ihr Zerplatzen ein Symbol für das unweigerliche Scheitern des Menschen auf der Suche nach Glück sein sollte oder ob einfach nur die Seifenlauge schlecht angerührt war.
Ich vermute ja mal letzteres.
Einzig ein paar Ponys durften noch mal im Kreis durch die Manege laufen.
Was soll ich sagen - es hat mir gefallen und ich habe mich bei meiner Frau für die tolle Idee bedankt.
Der Fairness halber sollte man erwähnen, dass Rocalli eher nichts für Zuschauer ist, die sich schon zum Frühstück Clown am Spieß genehmigen und ansonsten auch eher Freunde der fliegenden Sahnetorte sind.
Der Zirkus wendet sich wohl mehr an die Besucher, die gerne nach dem Abendbrot noch einmal kurz in Puccinis gesammelte Werke hören und vor dem Zubettgehen ein paar mundgeblasenen Seifenblasen beim Davonschweben und Zerplatzen zusehen.
So gut, wie die Show besetzt war, dürften das auch in Berlin nicht gerade wenige sein.
Deswegen hier noch mal die Empfehlung an alle rotweintrinkenden und puccinihörenden Seifenblasenproduzenten:
Gehet hin und schaut es Euch an! Macht es möglichst im Winter - die Atmosphäre ist einfach viel schöner.
Und meidet großflächig jeden der Zirkusse, die auch noch ausdrücklich damit werben, welche tollen Dressurnummern sie darbieten.
Spenden aber sollt Ihr dem traurigen Lama in der Fußgängerzone, denn das kann am allerwenigsten dafür und sollte wenigstens eine vernünftige Mahlzeit bekommen.
- Lenny Kravitz -

