Time
Denn ein jeglich Vornehmen hat seine Zeit und Weise; denn des Unglücks des Menschen ist viel bei ihm.
Geboren werden und sterben, pflanzen und ausrotten, was gepflanzt ist, würgen und heilen, brechen und bauen, weinen und lachen, klagen und tanzen, Steine zerstreuen und Steine sammeln, herzen und ferne sein von Herzen, suchen und verlieren, behalten und wegwerfen, zerreißen und zunähen, schweigen und reden, lieben und hassen, Streit und Friede hat seine Zeit.
Und deswegen erkläre ich, dass jetzt die Zeit gekommen ist für den Wechsel vom kurzen zum langen Schlafanzug.
Es mag wohl Menschen geben, die ganzjährig in kurzen Nachtgewändern (oder gar - und dies bitte ich mit geröteten Ohren zu lesen - nackig) schlafen, aber ich finde, dass, wenn draußen des morgens die ersten Atemfahnen sich bilden, die Zeit einfach reif ist, um in den zugegeben zwar eher unattraktiven, nichtsdestoweniges aber kuschelig warmen langen Schlafanzug zu schlüpfen.
Das Schlafzimmer darf, ja muss sogar eine eher kühlere Raumtemperatur haben, aber in der Zeit von Lebkuchen, heißem Tee und Marzipankartoffeln (die ich persönlich ja so gar nicht mag, im Gegensatz zu Tee und Lebkuchen), möchte man es im Bettchen selber doch lieber warm und gemütlich haben.
Ich zumindest.
Gekommen ist auch die Zeit des gefärbten Laubes, was hier in Berlin wieder Großkampfeinsatz gegen die Miniermotte bedeutet, die, heimtückischer Schädling, der sie ist, Besitz von einem Großteil der hiesigen Kastanienbäume ergreift und diese, so man deren Laub mitsamt der Larven nicht rechtzeitig einsammelt und entsorgt, elendiglich zugrunde richtet.
Kurz nochmal checken, ob der vorstehende Satz auch brav Subjekt, Prädikat und Objekt enthält, was mir dank fortgeschrittenem Alter und Bandwurmhaftigkeit der Formulierungen bisweilen.
Wie zum Beispiel bei diesem Satz gerade.
Aber was mache ich mir denn Gedanken um die deutsche Sprache, wenn unsere Tochter mit einer Deutschlehrerin geschlagen ist, die mal eben flugs die Wörtchen "draußen" und "mehr" zu Adjektiven erklärt, dafür aber zum Ausgleich "tolerant" mit Doppel-L schreibt (für alle, die es jetzt genauer Wissen wollen und sich aber nicht trauen, den Herrn Sick damit zu befassen: "draußen" ist ein Adverb, "mehr" übrigens auch, kann aber auch als Indefinitpronomen verwendet werden - was ich ja, so ganz unter uns, für den deutlich schöneren Begriff halte -; "tolerant" hingegen ist dafür tatsächlich mal ein Adjektiv, wird dafür aber weder in seinem lateinischen Urstamm tolerans (= duldend, ausdauernd ) noch in seiner französischen Ableitung "tolérant" mit einem Doppel-L geschrieben).
So, haben wir auch mal wieder etwas gelernt und damit das gute Gefühl, dass die Zeit, die für das Lesen dieses Posts drauf gegangen ist, zumindest nicht völlig vergebens war.
Und wer jetzt immer noch etwas Zeit hat, darf sich auch noch auf die Zugabe stürzen.
- Pink Floyd -
Ps: Kino.
Wall-E. Was auch sonst. Ein wirklich netter Film. Technisch ohne Frage perfekt in Szene gesetzt. Und um mit dem Herrn Schaffner zu sprechen, ist es auch unglaublich, wieviel Emotion in zwei Teleskopaugen gelegt werden kann.
Und trotzdem fehlte mir etwas. Auch wenn Wall-E sehr seelenvoll dreinschauen kann, fehlte dem Film - meiner unmaßgeblichen Meinung nach - die Seele. Vieles wirkte zu perfekt, zu kalkuliert. Manche Szene schien nur dazu im Film enthalten zu sein, um dem Zuschauer ein "Wow, unglaublich, wie die das wieder hingekriegt haben" zu entlocken. Bestes Beispiel hier die Szene, in der Wall-E, an Eves Raumschiff geklammert, mit der Hand durch einen Sternennebel streift.
Toll gemacht, keine Frage, aber eben auch nur das.
Was mich übrigens bei Pixar immer wieder wundert, ist die Darstellung der Menschen.
Pflanzen, Tiere (zumindest deren Fell), Spielsachen Umgebungen werden beinahe Fotorealistisch dargestellt, nur die Menschen sehen immer aus, wie aus Plastik. Bei Wall-E eben wie aus gestopftem Plastik. Vielleicht ist das noch ein Zugeständnis an das Medium Trickfilm, vielleicht auch das Eingeständnis, dass es im Moment einfach noch nicht möglich ist, Menschen rein digital glaubwürdig darzustellen.
Richtig, wirklich und unglaublich gut ist dagegen der Vorfilm, der, ebenfalls computeranimiert, einen temporeichen und irrwitzigen Slapstickzweikampf zwischen einem Zauberer und seinem hungrigen weißen Hasen inszeniert.
Schon deswegen lohnt sich das Anschauen.
Und ja, natürlich ist auch Wall-E sehenswert. Aber eben nicht der Spitzenfilm, als der er im Vorfeld beworben und verkauft wurde.






