Montag, Februar 23, 2009

Human Guinea pig

Wenn man zur Zeit durch Berliner Bahnhöfe geht, wird man regelmäßig auf folgendes Plakat stoßen:
(Der Herr hat natürlich keinen weißen Mund im Joker-Stil, das ist nur eine doofe Lichtspiegelung)
Gibt es auch in weiblich, sieht dann so aus:

Alternativ auch in alt, da gibt es aber jetzt kein Foto von.
Diese Plakate bewerben namens der Firma Parexel das Probandenwesen.
Da heißt es dann, dass auch xy (streiche xy, setze jugendlich-frischen bzw. rüstig-modern klingenden Damen- oder Herrennamen) ein Proband ist. Und besonders schön, dass xy sich seiner sozialen Verantwortung stellt. Wobei ich mich ja schon Frage, ob sich auch die Chefs der Parexel oder die Herrschaften, die sich diese hübsche Webebotschaft ausgedacht haben, in gleichem Maße ihrer sozialen Verantwortung stellen.

Denn seien wir doch einmal ehrlich. Würde man den Werbetext entschwülsten, müsste er in etwa so lauten:
"Wir sind durch. Wir haben unser Zeug bis zum Abwinken in irgendwelche Tiere gespritzt, aber irgendwann kommt man an dem Punkt an, an dem auch das beste Schwein nichts mehr taugt. Wir brauchen den real stuff. Echte Menschen, die bereit sind, sich für ein paar Kröten unsere neuen tollen Einfälle spritzen zu lassen.
Also los, die Ärsche hoch, ihr faules Pack!
Oder wollt wirklich Ihr dafür verantwortlich sein, wenn wir wieder mal eine Fabrik schließen und 1000 Arbeiter entlassen müssen, weil wir unsere neueste Potenzpille nicht rechtzeitig in den Markt drücken konnten?"

Damit wir uns hier recht verstehen - ich habe nichts gegen die Idee, dass sich Menschen freiwillig für die Erprobung von Medikamenten melden. Wer mag, der soll.
Es soll ja auch Leute geben, die von der Idee begeistert sind, nach ihrem Ableben gehäutet und aufgeklappt vor einem Schachbrett zu sitzen.

Was mich nur fürchterlichst ankotzt ist dieses Geschwalle von der Wahrnehmung sozialer Verantwortung. Hier einen auf moralisch machen wollen und den Menschen vielleicht noch Gewissensbisse einreden wollen, weil sie nicht das Versuchskaninchen für diverse Pharmaunternehmen geben mögen, ist allenfalls eines:
Höchst verwerflich.

Kommen wir nun zu etwas ganz Anderem.
Wer in der letzten Woche, statt auf Berliner U-Bahnhöfen herumzulungern gleich in den Postbahnhof ging, hatte vielleicht das Glück, diesen Herren dort anzutreffen.

Auch wenn es vielleicht ein wenig anders aussieht - es ist nicht der unglaubliche Viktor Raven, sondern der unglaubliche Oliver Kalkofe, der es verstand, sein Publikum beinahe drei Stunden lang aufs Heftigste zu amüsieren.
Auch wenn eine Live-Show naturgemäß auf die Kostümtricks seiner Mattscheibensendung verzichten muss, bot er im ausverkauften Saal trotzdem Satire und Wortwitz vom Feinsten (und zugegebenermaßen zum Teil auch vom Derbsten).
Ob er nun den Aktkalender für den Stadtteil Marzahn-Hellersdorf präsentierte, die unsägliche SAT-1-Show "Gräfin gesucht" ausspießte oder sich Uri Gellers Ufo-Show annahm - keiner kam ungeschoren davon.
Ausserdem durfte man noch an den hübschesten Tabak- und Bierwerbekampagnen der letzten 50 Jahre teilhaben ("Mama, bevor Du mich ausschimpfst, zünd dir doch erst mal eine Marlboro an", "Ich als Arzt empfehle den Genuss von Bier"), erfuhr, warum Saufen nicht so schlimm ist wie Rauchen ("Die Leber ist mehr so der Kumpeltyp. Nicht so 'ne Pussy wie die Lunge") und durfte zum Schluss auch noch einer unglaublichen mentalistischen Darbietung (siehe Bild) beiwohnen.

Ein rundum gelungener Abend und allemal besser, als sich über Anwerbeversuche der Pharmaindustrie zu echauffieren.

- Suicidal Tendencies -

Ps.: Kino. Ganz lange schon nicht mehr, weil ich dem Publikum ja nicht meine ständigen Hust- und Niesorgien zumuten will. Aber diese Woche werde ich wohl mal wieder.
Entweder "The International" oder "96 Hours".
Ich werde berichten.

Pps.: Und weil es so schön ist, an dieser Stelle noch ein Zitat von
Laura, 27, aus Berlin-Friedrichshain:
auf der Parexel-Seite "probandsein.de".
Das Copyright dafür liegt selbstverständlich und glücklicherweise vollständig beim Unternehmen:
„Als Studentin habe ich zum ersten Mal an Medikamentenstudien teilgenommen. Ich war damals die einzige in meinem ganzen Freundeskreis, und die meisten meiner Freunde waren total stolz auf mich, weil ich etwas für den medizinischen Fortschritt tun wollte. Aber manche waren auch richtig skeptisch und haben gefragt: „Gehst du da auch kein unnötiges Risiko ein?“ Als mich dann eine Freundin während der Studie hier in der Klinik besucht hat, hat sie ganz schön Augen gemacht. Schließlich sind die Prüfärzte alle sehr kompetent, und auch die ganzen Geräte und Untersuchungsmethoden sind auf dem allerneusten Stand. Ein halbes Jahr später haben wir sogar zusammen an einer Studie teilgenommen.“

Jaja, anfangs hatte ich noch Schwierigkeiten, das goldene Papier abzuwickeln. Und heute bin ich selber der Großvater.

Montag, Februar 09, 2009

Sweat

"Na, wohl auch gestern nicht im Lotto gewonnen, was? Naja, Geld macht ja auch nicht glücklich!"
Und da war er wieder.
Marvin, der depressive Roboter hatte nach seinem Kurztrip zum Restaurant am Ende des Universums jetzt seine Lebensmitte im Hotel- und Gastronomieverbund im Hessischen gefunden.
Und während er nun unter zahlreichen geschnauften Unmutsbekundungen sitzender Weise die Frühstückstische abräumte, entspannen sich so hübsche Dialoge wie dieser:
"Wenn man so in den Todesanzeigen liest, wer schon wieder gestorben ist, sollte man doch sein Leben besser nutzen!"
"Sehen Sie, genau das tu ich und deshalb mache ich Urlaub und besuche einen Freund in Ihrem schönen Örtchen."
"Urlaub, ha! Kann ich nicht machen. Ich muss mich ja um die Gäste kümmern, besonders in den Zeiten, in denen andere Urlaub machen. Und dann auch noch die Gäste, die durch andere Gäste nach hier kommen..."

Er war wirklich eine bedauerliche Existenz; ein Hotelier, dessen schlimmster Albtraum, nämlich der Einzug von Gästen in sein beschauliches kleines Häuschen, bittere Realität wurde. Zumindest ich würde ihm den Schmerz ersparen, sich um noch mehr, von mir angelockte Gäste kümmern zu müssen.
Gerne hätte ich ihn dann noch ein wenig bemitleidet, aber ich musste ja los.

Zum Herrn Schaffner nämlich, der glücklicherweise nicht nur blogtechnisch einen Mausklick von hier entfernt wohnt, sondern für vier Tage auch ganz in realiter direkt um die Ecke lebte.
Ein paar sehr schöne Tage erfüllt von Gesprächen über Gott und die Welt, gutem, selbst gekochtem Essen und dem Abmetzeln von Zombies in der afrikanischen Savanne.
Dazu noch die Aufnahme durch den Freundeskreis (oder zumindest eines Teils davon), die einem das Gefühl gab, keineswegs zum ersten Mal auf die Herrschaften zu treffen, sondern bestens mit ihnen vertraut zu sein.
Danke nochmal an Euch drei - und ich hoffe, Ihr nehmt es mir nicht übel, dass ich mehr über Filme wusste als Ihr ;-P.


Darüber hinaus gab es weiterhin die Erkenntnis, dass es Momente gibt, in denen der Frau Merkel ihr Deo aufs Übelste versagt, dass es nur beim ersten Mal albern wirkt, auf einer Plastikgitarre so zu tun, als ob es eine echte wäre (der Eindruck der Albernheit verfliegt ca. 7 Sekunden nachdem man das Gerät zum ersten Mal in die Hand nimmt - danke für das tolle Geschenk nochmal) und dass es dringend an der Zeit ist, das Ganze in Berlin zu wiederholen.

Und was kann man sich von so einer kurzen Tour mehr wünschen?

- Inner Circle -