Samstag, November 12, 2011

Education

„Schastiehn, lässt du das!“
Schastiehn lässt nicht.
„Schastiehn, hörst du jetzt!“
Schastiehn hört nicht.
„Schastiehn, kommst du her!“
Schastiehn kommt nicht.
Natürlich nicht.

Und damit wieder einmal herzlich willkommen zu unserer kleinen Reihe „Prekäre Begegnungen in der morgendlichen U-Bahn“.

Schastiehn (die Namen habe ich zum Schutz der Beteiligten geändert. Schastiehn heißt zum Beispiel in Wirklichkeit Schäremmie) ist das mittlere Kind einer mehr als offensichtlich völlig überforderten Mittzwanzigerin, die Schastiehn gemeinsam mit der gut siebenjährigen Schantall und dem geschätzt dreijährigen Käwwinn durch die Stadt spediert.
Aus irgendeinem unerfindlichen Grund erwische ich regelmäßig die Bahn, in der auch die Dame samt Kinderschar fährt.
Und jedes Mal gibt es ein "Best of Erziehungsfehler" zu bestaunen.
Wenn Muttern zum Beispiel sagt "Wenn du jetzt nicht aufhörst, steh ich aber auf" und dann doch bräsig sitzen bleibt.
Oder die Tochter, die ruhig dasitzt, anschnauzt "Das hat der alles nur von dir!"
Oder damit droht "Das sag ich heute abend Papa, dass du dich nicht benommen hast. Dann gibt es auf den Arsch!"
Hach, wer möchte in dieser Familie nicht auch gerne Kind sein?
Ich, zum Beispiel.

Lieber war mir da doch die Mutter, die neulich mit ihrer kleinen Tochter zustieg.
Kavalier der alten Schule, der ich bin, wollte ich ihr gleich meinen Sitzplatz anbieten, was sie dankend mit den Worten ablehnte "Wir steigen sowieso an der nächsten aus".
Worauf hin die Tochter in ein herzzereißendes Schluchzen ausbrach und zwischen Tränen hervorstieß, dass sie aber gerne sitzen möchte.
Also bin ich ein zweites Mal aufgestanden und hab dem Mädel erklärt, dass es sich gerne auf meinen Sitz setzen kann, wenn ich ihn nach dem Aussteigen zurück bekomme.
Was die Kleine veranlasste, noch lauter zu schluchzen und zu erklären "Ich will aber keinen gebrauchten Sitz!"
Da ist man natürlich auch als Möchtegernkavalier überfordert.
Der älteren (aber noch nicht so alten) Dame, die danach einstieg, hab ich trotz Ihres vorwurfsvollen und eindeutig missbilligenden Schnaubens dann keinen Platz mehr angeboten.
Vermutlich hätte sie ihn genommen, aber weiß man es?
Wie man es macht, macht man es halt falsch.

- Pearl Jam -

Montag, November 07, 2011

Monster

So, zum Wochenbeginn gutenberge ich jetzt einfach ein wenig und klau eine Rezension aus Amazon.
Das ist aber völlig ok, denn erstens ist das Buch, das in den kommenden Zeilen wärmstens empfohlen wird, wirklich gut und zweitens stammt auch die Amazon-Rezension von mir.
"Des g'hört so", wie Frau Werwolf an dieser Stelle sagen würde.

Los geht es. Ach ja, das Buch, um das es geht ist

"Der Zombie Survival Guide: Überleben unter Untoten" von Max Brooks

Wer, angelockt vom Namen Brooks (immerhin schreibt hier der Sohn des genialen Mel) und der putzigen Titelillustration zugreifen will, weil er ein spaßig-unterhaltsames Werk erwartet, der sei gewarnt - das bekommt er hier nicht! (Zumindest was den spaßigen Teil angeht, denn unterhaltsam ist es natürlich schon.)
Statt dessen ist es tatsächlich ein Buch, das einem helfen würde, müsste man in einer von Zombies verseuchten Welt um sein Überleben kämpfen.
Von Darstellungen verschiedener Stufen möglicher Zombiekalypsen über ein Überleben in der ersten Zeit bis hin zur richtige Vorbereitung für ein Leben in einer Welt, in der die Zombies die beherrschende Rasse sind wird hier mit viel Liebe zum Detail der Leser mit allen notwendigen Kenntnissen und Hintergrundinformationen ausgestattet.
Brooks beschreibt, wo man sich am besten auf einen Neuanfang vorbereitet, wie man dorthin kommt und welche Ausrüstung man dazu griffbereit haben sollte.
Abschließend beschreibt der Autor eine Vielzahl dokumentierter Zombieangriffe in der Geschichte der Menschheit, belegt durch Höhlenmalereien aus der Steinzeit bis hin zu Polizeiberichten aus dem Amerika von heute.

Wenn man von der Prämisse ausgeht, dass es Zombies tatsächlich gibt, hätte man hier tatsächlich das ultimative Überlebenshandbuch, das jeden Möchtegernrambo schnell auf den Boden der bitteren Realität zurück holt.
Nun gibt es die Zombies ja glücklicherweise doch nur in Film und Literatur, aber lustig oder amüsant wird das Buch dadurch trotzdem nicht. Statt dessen sieht man, aller Vernunft zum Trotz seine Umwelt auf einmal mit ganz anderen Augen, geht im Kopf regelmäßig seine aktuellen Vorräte durch und überlegt auf dem Weg durch die Stadt, welche Gebäude denn Zombies möglicher Weise am Besten trotzen könnten. Und ob der eigene Gartenzaun nicht doch um etwa zweieinhalb Meter aufgestockt werden müsste.

Wie bereits erwähnt - eine Parodie ist das Ganze nur, wenn man die völlig unrealistische Ausgangssituation einbezieht. Ansonsten ist es ein unterhaltsamer und lehrreicher Ratgeber, den ich jedem Zombiefreund hiermit wärmstens ans Herz lege.
Und während der geneigte Leser jetzt schnell das Buch bestellt, werde ich noch ein paar Übungsrunden mit Pfeil und Bogen einlegen, denn die sind - und auch das lehrt uns das Buch - im Fall der Fälle weitaus empfehlenswerter als ein Schnellfeuergewehr.

- Culcha Candela -

Mittwoch, November 02, 2011

Slave to the wage

Aktuell gibt es ja wieder eine interessante Mindestlohndebatte:
Dr Angela Wendehals-Merkel will auf einmal doch, Arbeitgeberverbände, allen voran Dr. Dieter Schweine-Hundt, lehnen sie strikt ab.
Auch wenn meine Wortwahl wohl schon impliziert, wo ich mich da selber positioniere, vielleicht noch ein paar grundsätzliche Überlegungen.

Als ich vor gut 20 Jahren mal als Kabelträger beim ZDF gejobbt habe, gab es dafür 16 Mark die Stunde.
Für einen Studenten. Ohne großartige soziale Verpflichtungen. Mit Wohnheimzimmer. War also recht lukrativ.
Der jetzt ins Spiel gebrachte Mindestlohn von 6,50 Euro entspricht 12,71 Mark.
Für einen Arbeitnehmer. Ggf. mit Familie. Und Wohnung. 20 Jahre später. Ist schon recht wenig.

Macht bei einer 40-Stunden-Woche und 21 monatlichen Arbeitstagen etwa 1.100 Euro.
Ist tatsächlich recht wenig.
Schauen wir doch mal, wie der gute Herr Hundt argumentiert. Laut AFP-Mitteilung vom 31.10.2011 nämlich wie folgt:"Die CDU habe einen Mindestlohn bisher aus guten Gründen abgelehnt, sagte Hundt. Denn dieser gefährde "in beträchtlichem Umfang" Arbeitsplätze. "Die Entwicklung der letzten anderthalb Jahre zeigt, dass unsere Regelungen sehr günstig waren", sagte der BDA-Präsident. Viele Geringqualifizierte und Langzeitarbeitslose hätten wieder den Einstieg in den Arbeitsmarkt geschafft. Dies würde mit einem Mindestlohn gefährdet."
Die Regelungen waren günstig. Aha. Für wen denn genau? Doch vermutlich eher nicht für die Leute, die noch ein bischen weniger als die 1.100 Euro im Monat verdienten.
Wohl auch nicht für den Staat, der diesen Leuten dann noch einen Zuschuss geben muss, damit es ihnen trotz Vollbeschäftigung und einem vermutlich nicht allzu verschwenderischen Lebensstil möglich ist, auch am 20. des Monats noch etwas zu essen zu kaufen.
Günstig war es wohl nur für die ominöse deutsche Wirtschaft, die anscheinend ungeachtet der Tatsache, dass sie ohne den Einsatz der absoluten Billiglohnkräfte gar nicht existenzfähig ist, offenbar Sinnen und Trachten allein darauf richtet, das Wohlhaben der Spitzenkräfte zu mehren.
Das geht natürlich ganz gut, denn wenn 1.000 Leute im Niedriglohnsektor herumkrebsen, bleibt für die 5 an der Spitze schon etwas mehr übrig.

Dass die Gewinne ja gar nicht an die Arbeitnehmer ausgeschüttet werden können, weil sie gleich wieder investiert werden, um noch mehr Arbeitsplätze und noch mehr Wohlstand für alle zu schaffen, halte ich übrigens für eine Lüge.
Es gibt mit Sicherheit einige Unternehmer, die das tun. Aber es gibt mit Sicherheit nicht weniger, die den Nutzen lediglich in der Mehrung des eigenen Vermögens sehen.
Ich möchte hier auch niemandem seinen Wohlstand absprechen. Von der grandiosen Idee der Linken, man möge doch Reichen, sprich, Millionären, jedes Jahr 5% ihres Vermögens abnehmen, halte ich so dermaßen wenig, dass ich es schon kaum mehr in Worte fassen kann. Abgesehen davon, dass ich mir noch nicht so recht vorstellen kann, wie jedes Jahr ein Zwanzigstel etwa des Albrechtschen Vermögens in Volkshand übergehen soll (wird dann aus dem Aldi wieder ein HO-Markt?), wäre die Konsequenz, dass die Reichen, wenn sie sich nicht rechtzeitig in andere Länder absetzen, irgendwann auch nichts mehr haben. Nicht wirklich durchdacht, aber das erwarte ich von der Linken ja auch gar nicht.
Nein, darum geht es nicht. Es geht darum, dass nicht nur einige wenige davon in unmoralisch hohem Maß profitieren, wenn sich wirtschaftlich etwas tut, sondern dass auch die, die es erst durch ihre Arbeitsleistung ermöglichen, etwas davon haben.

Was ist aber mit dem Argument, dass zahlreiche Unternehmen nicht mehr wirtschaftlich arbeiten könnten, wenn der Mindestlohn eingeführt würde?
Mumpitz, sage ich da nur.
Wenn ein Unternehmen nur dann wirtschaftlich arbeiten kann, wenn es die Kosten für die Bereitstellung seiner Waren oder Dienstleistungen durch Minimallöhne auf niedrigstem Niveau hält, dann stimmt das Unternehmenskonzept nicht. Dann ist es nämlich einfach nicht wirtschaftlich.
Wenn ich den Preis für einen Haarschnitt auf 9 Euro drücke mit der Konsequenz, dass eine Friseurin nur 5 Euro Stundenlohn erhält, dann ist der Preis schlicht zu niedrig.
Denn diese Friseurin muss dann auf der anderen Seite beim Staat eine Aufstockung ihres Gehalts beantragen, um über die Runden zu kommen.
Wenn ein Unternehmen seine Leistungen also nur deshalb so billig anbieten kann, weil es einen Teil seiner Kosten auf andere, also den Staat und damit die Allgemeinheit abwälzt, hat dieses Unternehmen in meinen Augen keine Existenzberechtigung.
Man mag über eine Anschubfinanzierung nachdenken, aber als Dauerzustand darf das eben nicht der Fall sein.
Wenn das dann bedeutet, dass ich für einen Haarschnitt 17 Euro bezahle, dann ist das halt so - vorausgesetzt, das Mehr landet dann auch tatsächlich zumindest in Teilen bei demjenigen, der dann eben nicht mehr Zuschüsse beim Staat beantragen muss.

Dass der Mindestlohn für einige eher Wenige den Gewinn schmälert, führt zu nachvollziehbaren Protestreaktionen von deren Seite, kann und darf aber letzten Endes nicht ausschlaggebend dafür
sein, von einer Entscheidung zugunsten einer Einführung des Mindestlohnes abzusehen.
Ich hoffe nur, dass nicht an dieser Stelle wieder die Lobbypolitik über die Interessen des gesamten Staates siegt.

- Placebo -