Aktuell gibt es ja wieder eine interessante Mindestlohndebatte:
Dr Angela Wendehals-Merkel will auf einmal doch, Arbeitgeberverbände, allen voran Dr. Dieter Schweine-Hundt, lehnen sie strikt ab.
Auch wenn meine Wortwahl wohl schon impliziert, wo ich mich da selber positioniere, vielleicht noch ein paar grundsätzliche Überlegungen.
Als ich vor gut 20 Jahren mal als Kabelträger beim ZDF gejobbt habe, gab es dafür 16 Mark die Stunde.
Für einen Studenten. Ohne großartige soziale Verpflichtungen. Mit Wohnheimzimmer. War also recht lukrativ.
Der jetzt ins Spiel gebrachte Mindestlohn von 6,50 Euro entspricht 12,71 Mark.
Für einen Arbeitnehmer. Ggf. mit Familie. Und Wohnung. 20 Jahre später. Ist schon recht wenig.
Macht bei einer 40-Stunden-Woche und 21 monatlichen Arbeitstagen etwa 1.100 Euro.
Ist tatsächlich recht wenig.
Schauen wir doch mal, wie der gute Herr Hundt argumentiert. Laut AFP-Mitteilung vom 31.10.2011 nämlich wie folgt:"Die CDU habe einen Mindestlohn bisher aus guten Gründen abgelehnt, sagte Hundt. Denn dieser gefährde "in beträchtlichem Umfang" Arbeitsplätze. "Die Entwicklung der letzten anderthalb Jahre zeigt, dass unsere Regelungen sehr günstig waren", sagte der BDA-Präsident. Viele Geringqualifizierte und Langzeitarbeitslose hätten wieder den Einstieg in den Arbeitsmarkt geschafft. Dies würde mit einem Mindestlohn gefährdet."
Die Regelungen waren günstig. Aha. Für wen denn genau? Doch vermutlich eher nicht für die Leute, die noch ein bischen weniger als die 1.100 Euro im Monat verdienten.
Wohl auch nicht für den Staat, der diesen Leuten dann noch einen Zuschuss geben muss, damit es ihnen trotz Vollbeschäftigung und einem vermutlich nicht allzu verschwenderischen Lebensstil möglich ist, auch am 20. des Monats noch etwas zu essen zu kaufen.
Günstig war es wohl nur für die ominöse deutsche Wirtschaft, die anscheinend ungeachtet der Tatsache, dass sie ohne den Einsatz der absoluten Billiglohnkräfte gar nicht existenzfähig ist, offenbar Sinnen und Trachten allein darauf richtet, das Wohlhaben der Spitzenkräfte zu mehren.
Das geht natürlich ganz gut, denn wenn 1.000 Leute im Niedriglohnsektor herumkrebsen, bleibt für die 5 an der Spitze schon etwas mehr übrig.
Dass die Gewinne ja gar nicht an die Arbeitnehmer ausgeschüttet werden können, weil sie gleich wieder investiert werden, um noch mehr Arbeitsplätze und noch mehr Wohlstand für alle zu schaffen, halte ich übrigens für eine Lüge.
Es gibt mit Sicherheit einige Unternehmer, die das tun. Aber es gibt mit Sicherheit nicht weniger, die den Nutzen lediglich in der Mehrung des eigenen Vermögens sehen.
Ich möchte hier auch niemandem seinen Wohlstand absprechen. Von der grandiosen Idee der Linken, man möge doch Reichen, sprich, Millionären, jedes Jahr 5% ihres Vermögens abnehmen, halte ich so dermaßen wenig, dass ich es schon kaum mehr in Worte fassen kann. Abgesehen davon, dass ich mir noch nicht so recht vorstellen kann, wie jedes Jahr ein Zwanzigstel etwa des Albrechtschen Vermögens in Volkshand übergehen soll (wird dann aus dem Aldi wieder ein HO-Markt?), wäre die Konsequenz, dass die Reichen, wenn sie sich nicht rechtzeitig in andere Länder absetzen, irgendwann auch nichts mehr haben. Nicht wirklich durchdacht, aber das erwarte ich von der Linken ja auch gar nicht.
Nein, darum geht es nicht. Es geht darum, dass nicht nur einige wenige davon in unmoralisch hohem Maß profitieren, wenn sich wirtschaftlich etwas tut, sondern dass auch die, die es erst durch ihre Arbeitsleistung ermöglichen, etwas davon haben.
Was ist aber mit dem Argument, dass zahlreiche Unternehmen nicht mehr wirtschaftlich arbeiten könnten, wenn der Mindestlohn eingeführt würde?
Mumpitz, sage ich da nur.
Wenn ein Unternehmen nur dann wirtschaftlich arbeiten kann, wenn es die Kosten für die Bereitstellung seiner Waren oder Dienstleistungen durch Minimallöhne auf niedrigstem Niveau hält, dann stimmt das Unternehmenskonzept nicht. Dann ist es nämlich einfach nicht wirtschaftlich.
Wenn ich den Preis für einen Haarschnitt auf 9 Euro drücke mit der Konsequenz, dass eine Friseurin nur 5 Euro Stundenlohn erhält, dann ist der Preis schlicht zu niedrig.
Denn diese Friseurin muss dann auf der anderen Seite beim Staat eine Aufstockung ihres Gehalts beantragen, um über die Runden zu kommen.
Wenn ein Unternehmen seine Leistungen also nur deshalb so billig anbieten kann, weil es einen Teil seiner Kosten auf andere, also den Staat und damit die Allgemeinheit abwälzt, hat dieses Unternehmen in meinen Augen keine Existenzberechtigung.
Man mag über eine Anschubfinanzierung nachdenken, aber als Dauerzustand darf das eben nicht der Fall sein.
Wenn das dann bedeutet, dass ich für einen Haarschnitt 17 Euro bezahle, dann ist das halt so - vorausgesetzt, das Mehr landet dann auch tatsächlich zumindest in Teilen bei demjenigen, der dann eben nicht mehr Zuschüsse beim Staat beantragen muss.
Dass der Mindestlohn für einige eher Wenige den Gewinn schmälert, führt zu nachvollziehbaren Protestreaktionen von deren Seite, kann und darf aber letzten Endes nicht ausschlaggebend dafür
sein, von einer Entscheidung zugunsten einer Einführung des Mindestlohnes abzusehen.
Ich hoffe nur, dass nicht an dieser Stelle wieder die Lobbypolitik über die Interessen des gesamten Staates siegt.
- Placebo -
Mittwoch, November 02, 2011
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10 Kommentare:
Ich, der ich nicht zu den bestverdienensten Welchen gehöre, kann nur sagen,.... Jawoll, das unterschreibe ich.
Selbst wenn ich zu eben jenen gehöre würde, die Porsche zu seiner potenziellen Kundschaft zählen könnte, ...vorausgesetzt ich habe noch mein altes Gewissen und die meine Vorstellung von Moral... wäre meine Antwort: Jawoll.
Wie kann ich mich an meinem Reichtum erfreuen, wenn ich genau weiß, dass eben jener Reichtum, dem einer oder der anderen das Brot abknapst?
Wahrscheinlich verdiene ich so wenig, eben weil ich so gestrickt bin :)
Jedenfalls würde ich den Herrn Falcon gern als Merkelberater sehen.
Ich berate schon an anderer Stelle - und Du würdest nicht glauben, wieviel Rat da ungehört verhallt...
6,50 Euro Mindestlohn ist ein WITZ. Wer 40 Stunden in der Woche arbeitet soll zumindest auch genug haben, um davon leben zu können, ohne nebenbei noch zum Amt rennen zu müssen.
Aber leider ist die Realität anders.. Mein Sohn hat zwar offiziell einen Lehrvertrag, wird aber genötigt, eine Verzichtserklärung zu unterschreiben, da die Firma weit unter Tarif bezahlt (und der Vertrag daher auch von der zuständigen Kammer nicht eingetragen wird!) und hinterher nicht verklagt werden möchte. Falls mein Sohn nicht unterschreibt, fliegt er in der Probezeit raus. Und das, nachdem er ein ganzes Jahr als Praktikant eine 40-Stunden-Woche mit Schichtdienst geschoben hat und dafür ganze 220 Euro verdient hat.
Das ist doch wirklich zum abkotzen.
Einsatz von Praktikanten als Ersatz für vollwertig zu bezahlende Mitarbeiter ist ja mittlerweile schon fast gängige Praxis.
Und man kann in der Ausbildung kaum noch den Leuten den ganzen Mist vor die Füße schmeißen, weil die Chance, anderswo eine neue Stelle zu finden, heute verschwindend gering ist.
Das sind interessante und nachvollziehbare Gedanken, berecihernd, merci. Und, ja, was so auf dem Arbeitsmarkt abgeht, ist wirklich zum Kotzen. man darf dabei allerdings auch nicht vergessen, wie viele Leute selbstständig arbeiten, mit Vor- und Nachteilen, und was dort manchmal so geboten wird von den Auftraggebern, bringt die Galle auch noch hoch. Freilich, ein Glück, kann es unter Umständen gelingen, sich in ein höheres Honorarsegment hoch zu schuften. Aber so was wie Tarifverträge - lachhaft unter Freiberuflern. (Mal abgesehen von HOAI-Regelungen für Architekten usw., obwohl da manche auch lieber nicht ihre Stundensätze nachrechnen, wie ich höre ...)
Nein, Du hast recht, die Selbstständigen darf man nicht vergessen. Und man muss aufpassen, dass es hier zu keinem "Gegeneinander-Ausspielen" kommt, wie es im Bereich Niedriglohnsektor gegen Hartz-4 manchmal passiert, frei nach dem Motto "Wenn ich schon wenig habe, darf wenigstens kein anderer mehr als ich bekommen".
Wobei auch dies nachvollziehbar ist - aber du hast recht ...
Oh shit, "armes" Deutschland ...
Nachvollziehbar, ja.
Die Frage ist immer nur, wem nutzt es, wenn sich zwei Parteien darum streiten, wem weniger zusteht.
"Macht bei einer 40-Stunden-Woche und 21 monatlichen Arbeitstagen etwa 1.100 Euro.
Ist tatsächlich recht wenig."
Ich wäre froh, wenn ich pro Woche so wenig arbeiten müsste und so viel Geld bekommen würde.
Ich behaupte ja auch nicht, dass es menschen gibt, die noch mehr arbeiten und trotzdem noch weniger verdienen (wenn ich Deinen Blog richtig verstehe, bist Du ja auch nicht so ganz glücklich mit Deinem Job).
Das macht die Sache aber nicht besser; vielmehr denke ich, dass es in der heutigen Zeit und vor allem in unserer heutigen Gesellschaft eingentlich möglich sein muss, dass jemand, der einer regelmäßigen Arbeit nachgeht, davon auch leben können muss, ohne dass der Staat ihn dauerhaft alimentiert.
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